Niclas Schöler
CV








Meet you at the corner / Hans-Sachs-Gasse, 1180 Wien - Juni 2019









Noch liegt die Wand A. im Dunkeln, doch langsam kriecht das Licht über den Teppich B. und den schmalen Streifen Parkett vor ihr näher an sie heran. Wahrscheinlich bleiben ihr nochzehn Minuten bis das Licht auf sie trifftund sie erhellt.

Gegenüber der Wand A. und links und rechts von ihr sind ebenfalls Wände. Abtrennende Innenseiten, die, sichrechtwinklig treffend, einen Raumbilden, der das Außen draußen hält. Die Wand vis a vis von Wand A. ist nur spärlich beleuchtet und das sie über- ziehende Muster kaum auszumachen. Die Wand A. selber wurde vor kurzem mit einem bunten Muster überzogen. Zuvor war sie einfarbig, in ein tiefes Blau getüncht, das sie nachts fast verschwinden ließ.

Wenn die Wand A. sich anstrengt, siehtsie rechts von sich das offene Fenster,eine Aussparung in der Wand neben ihr, durch welches das Außen sich drän- gend seinen Weg, nach innen auf sie zu bahnt.

Die Außenseite der Wand A., die sie noch nie gesehen hat, ist hellgelb. Sowieso hat die Wand A. noch nie etwas außerhalb der Ecken gesehen.

Manchmal probiert die Wand A. einen Blick hinaus zu erhaschen, aber
zumeist erkennt sie nicht vielmehr alsverschwommene Farbkleckse und verlaufende Flächen. Das liegt einerseitsan ihrer Kurzsichtigkeit und anderseits daran, dass ihr der Blick ständig verstelltwird. Vor allem von den Pflanzen, die wie Wächter auf der Fensterbank stehen und mit ihren Formen, Stachelnund ordinären Blüten den Blick nach außen verstellen. In der Mittagssonne erscheinen sie der Wand A. nur noch als Schatten und werfen diese achtlos auf sie. Sie fühlt dann, wie das Licht stel-lenweise auf sie trifft und sie an diesenStellen erhellt. Wer die Wand A. so geteilt, in Erblickbares und Verstecktes,in helle und dunkle Flächen, sieht,bekommt ein ganz falsches Bild von ihr.

Von Zeit zu Zeit schiebt sich die
Gardine P. zwischen die Wand A. unddas Fenster. Die Gardine P. taucht den Raum dann in ein gedämpftes Licht, dasjegliche Schatten aufhebt. Ihr blumiges Muster legt sich über das der Wand A. und an windigen Tagen, wenn die Muster sich stetig neu verschränken undwieder auflösen, scheint die Wand A. ihre Festigkeit zu verlieren.

Inzwischen hat das Licht auch den Spalt Parkett zwischen der Wand A. und demTeppich B. eingenommen. Der unför- mige Schatten der Anthurie zieht sich über beides hinweg und bricht an der Kante zwischen der Wand A. und dem Parkett.

Teppich B. ist traurig gleich, wieder komplett im Dunklen zu liegen.

Mark